Ein langer Weg....

Erfahrungen bei Besinnungstagen in La Courneuve (bei Paris)

Es war ein langer Weg. Ein langer, unbequemer Weg. Acht Stunden mit dem Bus von Frankfurt nach Paris. Eine schlaflose Nacht, ein wirrer Weg, schlechte Luft und viele Fragen bis ich endlich ankam. Paris, Stadt der Liebe.
Besuch in der Pfarrei St. Paul Um jene zu finden, war ich gekommen. Ich war gereist um Dich zu finden, Dich in meinem Leben zu finden reiste ich nach Paris. Sieben Tage wollte ich bei einer Ordensgemeinschaft leben, zusammen mit acht weiteren jungen Frauen die Kleinen Schwestern des Evangeliums kennenlernen, ihren Gründer (i. w. S.) Charles de Foucauld und ihre Spiritualität. Und dabei mich selbst finden, mich in Dir, im Schlaglicht der anderen, meine Spiritualität (wieder-)finden.


Einmal mehr musste ich mich völlig aus meinem Umfeld lösen, nur das Nötigste zusammenpacken um an einem fremden Ort mich selbst zu suchen. Und zu finden.

Paris ist eine schöne Stadt - oder sind es viele Städte? La Courneuve, einer der Vororte, offenbart eine so gänzlich andere Welt, die mit dem schillernden Paris so gar nicht zusammen passt.

Und doch habe ich dort Christus gefunden, der in der Hektik der Innenstadt zwischen Sightseeing und Metro kaum zu finden ist.

In einem kleinen Häuschen mit extra angemietetem Gemeindesaal wohnen ein paar der Kleinen Schwestern.
Jetzt, wo so viele junge Frauen mit leben, haben sie sich Verstärkung in der Nachbarfraternität geholt, denn in Paris gibt es zwei Niederlassungen mit je drei bis vier Schwestern.

Innehalten in der Hektik des Alltags


Wir leben einfach, haben Doppelzimmer, teilen uns zu sechst eine Dusche. Die Kleinen Schwestern haben keine Klöster, wie man das von den großen Orden kennt, nein, sie leben in ganz "normalen" Verhältnissen, haben Mietswohnungen mitten zwischen den Menschen. Denn das ist wichtig; sie wollen ganz bei Gott und ganz bei den Menschen sein. Deswegen arbeiten sie auch regulär, sei es in der Bibliothek, bei der Stadt, im Schnellrestaurant, ... Erwerbsarbeit, mit der sie sich finanzieren. Eben wie ganz "normale" Menschen.


Denn wenn man den Menschen Kleine Schwester sein will, muss man ihr Leben teilen. Die tägliche Fahrt zu Arbeit in überfüllten Vorstadtbussen, die schlechten Arbeitsbedingungen, das knappe Geld, die mangelnde Zeit und die Nöte des Alltags, das alles teilen die Schwestern.

 

Mitfeier des Sonntagsgottesdienstes in Aulnay-sous-Bois
Und dabei sind sie da für die anderen, lassen mit sich reden, engagieren sich in Gemeinden vor Ort, in sozialen Einrichtungen und sind präsent an Orten, an denen andere Orden in einem säkularisierten Frankreich kaum Zugang haben. Ich habe die Kleinen Schwestern als sehr authentisch erlebt, sehr am Boden der Tatsachen, mit der Welt vertraut.

Der Einfachheit der Umgebung angepasst, weltoffen und warm. Und nicht nur ich, auch den anderen acht jungen Frauen ging es so.

Wir kamen aus der ganzen Welt und fanden doch zueinander. Aus Frankreich, Haiti, Lettland, Deutschland, Italien und Guadalupe, aus Ost und West, aus Süd und Nord. Wir alleine hätten schon Tage füllen können, allein im Austausch über unser Leben. Aber es ging um ein anderes Leben, um das Leben Jesu, dem Charles de Foucauld in der Wüste nachgegangen war und dem wiederum die Kleinen Schwestern folgen. Armut, Mission, Orden waren große Themen, bei denen jede wahrlich um ihr Leben fragte. Und so abgeschieden von unserem normalen Leben an diesem fremden Ort, wurden die Diskussionen zunehmend privater, existenzieller, notwendiger.
Zeiten des Gebetes prägten den Tagesrhythmus Und dann das Gebet; jeden Tag zwei Stunden Schweigen mit Anbetung, Schreiben oder Schriftmeditation (oder auch einem Mittagsschlaf). Gemeinsame Gebete am Morgen und am Abend, um den Tag zu rahmen.

Der Weg nach Sacre Coeur und St. Augustin, an denen Charles de Foucauld wichtige Stationen seines Lebens erlebte, der Besuch in der Gemeinde vor Ort, die bei wirklich leeren Kassen eine ebenso wirklich volle Kirche vorzeigen konnte und der Besuch bei der Nachbarfraternität mitten in einem Sozialbau in einem Viertel, das nur aus Sozialbauten besteht. Völlig neue Welten an jeder Häuserecke. Schlaglichter, in deren Licht man sich selbst jedes Mal völlig fremdartig kaum wiedererkannte. Und eben doch erkannte.

Und im Schlaglicht der anderen, im ehrlichen Austausch fand man sich selbst, fand man Grenzen, die im heimischen Umfeld längst verschwommen waren. Und fernab jedes Internetzugangs und Fernsehers (was die Schwestern wohl besitzen, aber wir nicht benutzten) breitete sich zunehmend eine Ruhe in uns aus, die so warm war, dass sie selbst die größten Hoffnungen überstieg.

Also was habe ich gefunden? Bezaubernde, authentische Menschen, die auf so ganz unterschiedliche Weisen Christsein in der Welt vorstellten. Antworten auf meine Fragen, wie zum Beispiel ich dieses Christsein konkret leben kann. Eine faszinierende Person Charles de Foucauld. Eine so derart arme Kirche, die jede Beschwerde über deutsche Verhältnisse Lügen straft und Lust macht auf Gemeindearbeit. Ruhe und einen neuen Zugang zur Liebe, denn die habe ich in all den Begegnungen so deutlich erkannt. Und ich habe einmal mehr erkannt, dass ich, wenn ich zuhause mit der gleichen offenen Sehnsucht nach der Liebe Ausschau halte, ich sie hier ebenso finden kann. Aber um das zu erkennen, musste ich erst weit reisen. Jetzt bin ich da.

Judith Breunig
 

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