"Wollt ihr die anderen missionieren???"

Mission, Freiheit und die Menschenfreundlichkeit Gottes

"Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen... und ihr werdet meine Zeugen sein." (Apg 1,8) Dieser Satz am Beginn der Apostelgeschichte hilft mir, nach einem Missionsverständnis zu tasten, das den Duft von Freiheit und Begegnung birgt, von Geben und Nehmen, von Beschenktwerden und Schenken, kurz, ein Missionsverständnis, das Gottes Wunsch, der Mensch möge doch Leben in Fülle finden, Rechnung trägt.
Diesen Wunsch bringt Gott uns in Jesus Christus zu Ohren und vor unser Angesicht: Wir können ihn leben sehen im Evangelium und hören wie er sagt "Ich bin". "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben." (Joh 10,10)
Wie können Menschen auf den Geschmack kommen, Gott in Jesus Christus Gehör zu schenken?
Wie können sie glauben, dass ihre
tiefe Ahnung wie Menschsein aussehen könnte, im Evangelium eine Richtung finden kann?

Es gibt den Satz: "Man muss manchmal jemanden zu seinem Glück zwingen." Vielleicht steht so eine Art von Satz hinter der Tragik, die bisweilen das Missionsverständnis der Kirche gekennzeichnet hat. Menschen hatten wohl erkannt, dass es ein Glück ist, Jesus Christus anzugehören, aber sie haben dieses "Glück" für andere erzwingen wollen, wohl auch meinend Gott dabei zur Hand zu gehen, indem sie Hand ans Schwert legten. Ganze Landstriche sind so missioniert worden. Aber es geht ja nicht um Landstriche, sondern um Menschen. Und Menschen kann man so nicht missionieren. Glück und Zwang gesellen sich nicht zueinander. Menschen brauchen den Wind der Freiheit um sich selbst zu entfalten und wissen ihn, dort wo er weht, sehr wohl zu erkennen.

Für Christen heisst der Wind der Freiheit Heiliger Geist. Geist Gottes, durch den er selbst in Jesus Christus in der Welt präsent ist, Geist, der denen verheißen ist, die Jesus Christus als ihren Herrn und Meister angenommen haben.(vgl. Apg 1,8) Geist, der weht wo er will, in der Kirche und weit darüber hinaus, und der unserem Geist bezeugt, dass wir Kinder Gottes sind und in dem wir Gott "Vater" nennen. (vgl. Röm 8,16)

Hier macht sich der Evangelisierungsauftrag der Kirche fest, denn der Heilige Geist führt ihre Glieder dazu, in der Welt bewusst aus Gott zu leben, damit sich die Welt für Gott öffnet. Und daran, dass sich die Welt für Gott öffnet, hat Gott selbst ein großes Interesse. Von Anbeginn der Welt hat er auch ein Interesse daran, dass Menschen glauben, dass das Leben sein Versprechen hält und sich lohnt. Dieses Interesse hat er mit der Schöpfung und dann in der Person des Sohnes Gottes deutlich gemacht. Damit ist aber auch klar, dass der Protagonist der Mission nicht etwa der Christ und sein Interesse ist, sondern dass Gott selbst es ist, der im Heiligen Geist inter-esse ist, in und zwischen den Menschen Leben schafft in seinem Werben um die Liebe eines Jeden. Das zu erfahren und auch zu bezeugen, dazu sind wir ausgerüstet, durch Taufe und Glauben, so wie es die Apostelgeschichte verheißt und dann auch in mehreren Kapiteln schildert.
Ein Beispiel dafür möchte ich herausgreifen, weil es eine besonders schöne und gelungene Missionsgeschichte ist. (Apg 8,26-40) Ein Beispiel dafür, wie ein Mensch zu Jesus findet und um die Taufe bittet und wie ein Jünger Jesu dabei diskret und aufmerksam präsent ist, um dem Heiligen Geist der schon am Werk ist, zur Hand zu gehen.
Eine Geschichte pastoraler Spiritualität, die mir selbst viel bedeutet: die Begegnung zwischen dem Äthiopier, Kämmerer der dortigen Königin, und dem Apostel Philippus.

Philippus lässt sich vom Geist zum Aufbruch bewegen. Er wartet nicht, dass da jemand in die Sakristei kommt. Ohne Widerworte folgt er dem Engel des Herrn und bricht auf, auf eine ungewisse Strasse.
Auch der Äthiopier war schon längst unterwegs, seine Sehnsucht nach Gott hat ihn auf den Weg nach Jerusalem gebracht. Nun ist er auf dem HEIMweg (also nicht auf dem Hinweg) und liest den Propheten Jesaja.
Die beiden Wege kreuzen sich irgendwo auf der Strasse des Alltags und ein Dialog entspinnt sich. Verstehst du? Wie sollte ich? Steig doch bitte ein und begleite mich auf meinem Heimweg. Gemeinsam lesen sie das Wort der Schrift.
Und dann stellt der Kämmerer seine Fragen. Philippus predigt ihn nicht einfach an, sondern erschließt ihm anhand seiner Fragen und der Schrift den Weg zu Jesus, einen neuen HEIMweg.
Es ist auch nicht Philippus, der die Taufe vorschlägt, sondern der Äthiopier bittet darum. Die Geschichte endet freudig, "er zog voll Freude weiter", aber seltsam. Jeder geht seinen eigenen Weg weiter. Philippus bindet nicht etwa den Mann an sich, sondern wird Diener seiner Freude und lässt sich dann vom Geist des Herrn auf neue Wege führen.
Unser alltägliches Leben kann ein Ort sein, an dem wir ein Gespür entwickeln, so eine Art spirituellen Takt, der zu ermessen weiß, dass Gott schon am Werk ist, weil Gott selbst ein Spezialist dafür ist, Menschen auf Heimwege zu bringen. Und in meinem Alltag kann ich solche Wege kreuzen, wenn ich aufmerksam bin.

Ich denke da an die Erwachsenenkatechese bei uns. Da ist es uns geschenkt worden, dass eine Frau bei uns an die Tür klopft und sagt, sie habe das und das in der Bibel gelesen und wolle es erklärt haben. Beim genaueren Hinsehen hatte sie die Seligpreisungen gelesen. Letztes Jahr ist die Frau nach zwei Jahren Vorbereitung getauft worden.

Auch Bruder Karl zeigt in seinem Lebensweg einige Richtlinien für eine heutige pastorale Spiritualität auf, denn lange vor seiner Zeit hatte er die Intention eines Missionsbegriffs, der die Kultur des Evangeliums verbreiten will, darauf vertrauend, dass Gott selbst im Herzen der Menschen am Werk ist:
- Sich an Jesus Christus festmachen - der Glaube von Bruder Karl ist christuszentriert, ihn wählt der "kleine Bruder", als " großen Bruder" auf dem Weg zu Gott.
"Jeder, der liebt, möchte dem Geliebten ähnlich werden; das ist das Geheimnis meines Lebens. Ich habe mein Herz an diesen Jesus von Nazareth verloren, der vor 1900 Jahren gekreuzigt worden ist; mein ganzes Leben lang versuche ich, ihm ähnlich zu werden." (Charles de Foucauld)
- Gott seine Zuneigung glauben, für mich, für alle - Bruder Karl erhofft in einer Zeit, in der die Theologie noch davon ausgeht, dass außerhalb der Kirche kein Heil sei, den Himmel für alle Menschen guten Willens.

"Meine Gott, mögen doch bitte alle Menschen in den Himmel kommen."
"Wenn wir langsam älter werden, möge doch die Gnade unserer Taufe, jene auch, die der Empfang der Sakramente in unsere Herzen gießt,... immer mehr in unseren Werken aufscheinen... Werden wir nicht mutlos; möge, wenn wir auf der Stelle treten oder auch zurückfallen, das uns nur liebevoller machen, verständnisvoller unserem Nächsten gegenüber. Aber in allem: mögen wir immer mehr unser Vertrauen auf Gott richten, seiner Liebe immer sicherer werden. Er liebt uns mit unseren Schwächen, möge uns diese Gewissheit zärtlicher und dankbarer machen."

- Gott um den Geist bitten, der nach und nach das eigene Leben dem Leben Jesu Christi gleichgestaltet - Bruder Karl betet mehrmals täglich um den Heiligen Geist und sieht dieses Gebet auch für die Mitglieder seiner Gemeinschaft vor.
"Viermal am Tag singen sie (die Brüder) das Veni Creator um für den Heiligen Vater, die Kirche, alle nicht-gläubigen Völker und alle Menschen die Gnade des Heiligen Geistes zu erbitten."

- Im Mitmenschen, vor allem in den " Kleinen und Geringen" Gott selbst zu entdecken - Bruder Karl nennt eben das als großes "Aha-Erlebnis" seines spirituellen Lebens, als im aufgeht, dass derselbe Gott, den er in der Eucharistie verehrt, in der Person der Armen "Ich bin" sagt.

"Es gibt, glaube ich, im ganzen Evangelium kein Wort, das auf mich einen größeren Einfluss gehabt hat und das mein Leben auf tiefere Weise verändert hat als dieses: "All das, was ihr für den Geringsten meiner Brüder tut, habt ihr für mich getan." Wenn ich daran denke, dass diese Worte aus dem Mund Jesu, dem ewigen Worte Gottes stammen, und dass es derselbe Mund ist, der da sagt: "Dies ist mein Leib, ... dies ist mein Blut." Wie sehr sehe ich mich dann dazu berufen, Jesus vor allem in diesen Kleinen, den Geringsten zu suchen und zu lieben."

- Sich einüben in Geschwisterlichkeit - im konkreten Alltag, dort wo das eigene Leben sich abspielt
"Ich möchte alle Bewohner, Christen, Muslime, Juden und auch Heiden daran gewöhnen, mich als ihren Bruder zu betrachten, als den Bruder aller. Sie beginnen, das Haus, "die Fraternität" zu nennen, und das bedeutet mir viel."
"Ihre (der Brüder) universale und geschwisterliche Nächstenliebe soll hell leuchten, auf dass niemand, kein Sünder oder Nichtgläubiger ignoriert, dass sie die Freunde aller sind, die Brüder aller."

- Den Menschen Zeuge für Gottes Gegenwart und Heilswillen sein
"Ich weiß nicht, wozu Gott Sie im besonderen beruft, aber ich weiß sehr gut, wozu er alle Christen, Männer, Frauen, Priester, Laien, Verheiratete und Unverheiratete beruft: dazu Apostel zu sein, Apostel durch ihr Beispiel, ihre Güte, durch einen wohlwollenden Umgang mit den Menschen, durch eine Zuneigung zu ihnen, die zur Antwort einlädt und zu Gott führt. Apostel sollen wir sein, so wie Paulus, so wie Priscilla und Aquila, Apostel, die allen alles werden, um alle zu Jesus zu führen."


Herr, ich bedarf Deines Geistes, der von Dir ausgeht und zu Dir heimführt,
dieser göttlichen Kraft, die so viele Menschen gewandelt und beseelt hat.

Du sprichst in aller Stille und alle Sprachen verkünden Dich.
Aller Worte Wahrheit bist Du, und jeder, der hören kann,
versteht Dich in seiner eigenen Sprache, in seinem eigenen Leben.

Du bist der Atem und die Glut, mit dem das Wort Gottes gesprochen wird,
der Wind, der das Evangelium trägt, überallhin und zu allen.

Zeig unserem Herzen und unserem Glauben den Weg, dass wir reifen,
um nach und nach mit Jesus den Menschen Schwester oder Bruder zu werden,
dass uns trotz unserer menschlichen Schwachheit
Deine souveräne Kraft zum Sprechen bringe.

Seufze in uns nach einer neuen Schöpfung, darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn und Bruder.


Kl. Sr. Doris Broszeit, Aulnay sous Bois/ Paris

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