Auf Spurensuche im Glauben
Wie Charles de Foucauld mein Leben als Getaufte bereichert

Kl. Sr. Joëlle ist Belgierin und lebt seit acht Jahren gemeinsam mit drei weiteren Kleinen Schwestern in einem multikulturellen Hochhausviertel in Mulhouse /Elsass. Schwerpunkte ihrer Tätigkeit sind die Arbeit mit Prostituierten sowie bei der Caritas in ihrem Viertel. Sie gibt uns Anteil an ihrem Entdeckungsweg: In welcher Weise prägt und bereichert Charles de Foucauld ihr Leben als Getaufte? Sie schreibt:
"Der Glaube ist geprägt von einem guten Gott: In einem gewissen Lebensabschnitt beginnt Charles de Foucauld fast alle seine Meditationen mit dem Satz: "Mein Gott, wie gut bist du!" - dies durchzieht all seine Schriften. Diese Erfahrung hat er er selbst gemacht, insbesondere durch seine Cousine Maria, die ihm nie Vorwürfe über sein Verhalten als "Lebemann" in der Zeit vor seiner Bekehrung gemacht hat. Charles de Foucauld hat erfahren, dass er von Gott geliebt wird und er gibt darauf Antwort in Form seiner leidenschaftlichen Liebe für seinen "vielgeliebten Bruder und Herrn Jesus". Charles de Foucauld

Diese Liebe drückt sich in einer ausgeprägten Zuneigung zu den Menschen aus, insbesondere zu den Kleinen und Armen. Es ist für ihn von äußerster Wichtigkeit, jeden Menschen als einen geliebten Bruder, eine geliebte Schwester zu empfangen, insbesondere die Kleinen, die Armen. Die Spiritualität von Charles de Foucauld ist für mich eine Spiritualität der Begegnung, insbesondere mit den Armen und Ausgeschlossenen. In der Begegnung mit den Kleinen zeigt er eine grosse Aufmerksamkeit für das, was sie sind, für ihre Kultur, für ihre Lebensweise (nebenbei bemerkt: Charles de Foucauld hat eine bemerkenswerte linguistische Arbeit über die Sprache der Touareg erstellt).
Für uns als Kleine Schwestern zeigt sich dies ganz einfach darin, dass wir aufmerksam dafür sind, wer und was die Menschen sind, denen wir begegnen. Ich denke dabei an die Kleinen Schwestern, die mit Sinti und Roma leben, an unsere Nachbarn aus einem sozial benachteiligten Milieu, an die alten oder psychisch kranken Menschen in unserem Viertel. Was mich betrifft, so habe ich gerade hier in diesem Problemviertel sehr viel von unseren sehr armen Nachbarn gelernt, von ihrer Art, irgendwie über die Runden zu kommen, über ihre ganz eigene Logik, ihren Glauben. Es ist für mich eine "andere Welt".

Das Hochhausviertel Coteaux in Mulhouse
Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Bedeutsamkeit des Alltags, der Menschenwerdung - "Nazareths" wie wir im foucauldschen Sprachgebrauch sagen: 30 Jahre hat Jesus verborgen in Nazaret gelebt, hingegen nur 3 Jahre öffentlich gewirkt. Jesus hat sich freiwillig dafür entschieden, unseren Alltag zu teilen, die ganz einfachen Aufgaben, die Arbeit.
Dies zeigt sich in der Bedeutsamkeit der alltäglichen Aufgaben, die Orte der Gottesbegegnung sind; ebenso in der Entscheidung, das gewöhnlichen Leben der "kleinen Leute" zu teilen im Arbeiten, in der Wohnung, und vielen weiteren kleinen Dingen; in einer gewissen Einfachheit des Lebens, die uns "ansprechbar", für die Menschen "erreichbar" macht. Die Tätigkeiten des Alltags - das ist keine verlorene Zeit! Alles, was das ganz konkrete Leben der Menschen mit sich bringt, ist bedeutsam! Genau diesen Aspekt des Lebens habe ich gesucht, als ich in die Fraternität eintrat und er gefällt mir immer noch sehr. Er hilft mir heute, eine gewisse Distanz zum Mythos der "Überaktivität" zu bewahren. Mit der Nachbarin einen Kaffee trinken, die Fraternität sauber machen, damit sie wohnlich und einladend ist, sind ebenso wichtig, wie einen Vortag für eine Tagung vorzubereiten.

Jesus den "kleinen Leuten" verkünden, den Armen, den Fernstehenden - Charles de Foucauld wollte die Liebe Gottes, die sein Leben verwandelt hat, mit anderen teilen.
Wallfahrtsgruppe
Bei meiner Lebensentscheidung für die Kleinen Schwestern war genau dies ein wichtiger Aspekt (ich arbeitete damals in einem Kinderheim, konnte aber das, was meinem Leben Sinn gab nicht mit anderen teilen). Heute kann ich genau diese Hoffnung teilen, die uns zu leben hilft:

So haben wir zum Beispiel mit sehr einfachen, armen Menschen aus unserem Viertel eine kleine Wallfahrt gemacht.
Eine Frau hat mir neulich gesagt, wie sehr es für sie ein Wunder ist, ihre Krankheit annehmen zu können (eine schwere psychische Erkrankung) und all die kleinen Dinge des Alltags als ein Geschenk wahrzunehmen. "Verkünden oder offenbaren, was der Vater den Kleinen zu erkennen gibt" (vgl. Mt 11,25)

Die Spiritualität von Charles de Foucauld prägt auch mein Beten:
Für mich sind das Evangelium, die Betrachtung des Wortes Gottes sehr wichtig. Unser Beten ist geprägt von einer langen Stille, in der Aufmerksamkeit auf die Gegenwart... Wenn wir jeden Tag in der eucharistischen Anbetung eine Stunde schweigen und so aufmerksam werden auf die Gegenwart Gottes, so wird unser Herz wachsam für Gott und die Menschen.


Mein Leben als Getaufte ist geprägt von dem, was wir "Wüste" nennen - Zeiten der Einkehr, des Gebetes in der Stille, in "Einsiedeleien" oder Orten der Stille (eine Wochenende im Monat, 8 Tage im Jahr und hin und wieder 40 Tage am Stück), im stillen Verweilen vor und mit Gott, um IHM im leisen Säuseln zu begegnen...

In dieser Weise haben wir als Kleine Schwestern das Leben Charles de Foucaulds in der Wüste aufgegriffen (auch wenn er in die Wüste, auf den Assekrem ging, um dort Menschen zu begegnen: dem Nomadenstamm der Touareg).

Ein Leben als Getaufte in Hingabe und Vertrauen (Psalm 131): Jeden Tag beschliessen wir mit dem Hingabegebet Charles de Foucaulds - dies prägt mein Leben im Sinn der vertrauenden Hingabe an Gott - "weil ich dich liebe."

Ich möchte mit einem Bild schliessen: Bei der Rückkehr von der Seligsprechung Charles de Foucaulds, habe ich eine belgische, recht antiklerikale Zeitung gekauft. Darin war ein Foto von der Seligsprechung abgedruckt mit dem Untertitel: "Benedikt XVI. empfängt eine Delegation der Touareg". Für mich war das ein Augenzwinkern Charles de Foucaulds: Er wollte immer den letzten Platz einnehmen, und alle Bedeutsamkeit den Kleinen, insbesondere den Touareg, geben. Am Tag seiner Seligsprechung sprach man nun nicht von ihm, sondern von den Touareg und ihrem Wunsch, dem Papst zu begegnen!
Mögen wir weiterhin Jesus und den "kleinen Leuten" den ersten Platz geben!

Kl. Sr. Joëlle Staquet


Das Hingabegebet von Charles de Foucauld:

Mein Vater, ich überlasse mich dir, mach mit mir, was dir gefällt. Was du auch mit mir tun magst, ich danke dir. Zu allem bin ich bereit, alles nehme ich an. Wenn nur dein Wille sich an mir erfüllt und an allen deinen Geschöpfen, so ersehne ich weiter nichts, mein Gott. In deine Hände lege ich mein Leben: Ich gebe es dir, mein Gott, mit der ganzen Liebe meines Herzens, weil ich dich liebe und weil diese Liebe mich treibt, mich dir hinzugeben, mich in deine Hände zu legen, ohne Maß, mit einem grenzenlosen Vertrauen, denn du bist mein Vater.


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