| In der letzten Zeit haben wir so viel Zeichen
der Vorsehung und der Liebe Gottes erfahren, dass ich Euch einige davon
mitteilen möchte. Gott ist gut und voller Erbarmen, und manchmal können
wir nach einer langen Zeit der Dunkelheit die Erfahrung seiner Zärtlichkeit
und seiner Liebe machen. Wir saßen gerade in der Fraternität mit Maritza und Cris in einem Gespräch zusammen, als Diego, ein junger Feldarbeiter, plötzlich zu uns kam. |
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Er teilte uns mit, dass Ramona, ein liebes, altes Mütterchen, in ihrem Haus, das etwa 20 Minuten Fußweg entfernt an einem Hügel steht, im Sterben lag. Unsere kleinen Probleme waren mit einem Schlag unwichtig. Cris und ich benachrichtigten schnell unsere Nachbarin Laura. Gemeinsam mit Laura machten wir uns sofort auf den Weg, um zu sehen, was mit Ramona los war. |
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| Ein Nachbar, der einen kleinen Lieferwagen
hat, begleitete uns, damit wir Ramona, falls nötig, mit zu uns nehmen könnten.
Als wir bei ihr ankamen, "bewaffneten" wir uns zunächst mit Stöcken, denn
die mindestens 10 Hunde aller Größen bereiteten uns alles andere als einen
freundlichen Empfang. Einige von ihnen lagen bei Ramona, die wir blass,
frierend und mit starken Schmerzen auf dem Boden fanden. Immer wieder übergab
sie sich. Schnell brachten wir sie zu uns, badeten sie und zogen ihr saubere
Kleider an. Auch ihren Sohn Carlitos nahmen wir mit. Er ist etwa 50 Jahre
alt, taubstumm, Epileptiker und geistig zurückgeblieben. Wohl auch dadurch
ist er von seiner Mutter untrennbar, stößt laute Schreie aus und zeigt unkoordinierte
Bewegungen. Es war eine traurige Situation, aber wir hatten keine Zeit,
darüber nachzudenken, was nun geschehen würde. Die arme Ramona konnte das Duschen kaum ertragen. Sie wand sich vor Schmerzen. |
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Wir fuhren mit ihr in die Notaufnahme des Krankenhauses nach Riobamba. Sobald wir in der Notaufnahme ankamen, kümmerten sich zwei Krankenschwestern um Ramona. Sie wollten ihr Blut abnehmen. Das ging nicht, es kam kein Blut, denn sie war vollkommen ausgetrocknet. Die Notaufnahme stellt weder Nadeln noch Serum zur Verfügung. | |
| Allerdings liehen sie uns etwas,
das wir sofort in der Krankenhausapotheke oder außerhalb des Krankenhauses
nachkaufen mussten. Während sich das Personal um einen anderen Notfall kümmerte,
bekam Ramona eine Infusion mit einem Schmerzmittel und beruhigte sich etwas.
Trotzdem dauerte es eine Stunde, bis man ihr Blut für die notwendigen Untersuchungen
abnehmen konnte. In der Zwischenzeit sprachen wir mit der Sozialarbeiterin
und erklärten ihr, dass Ramona als Bettlerin von dem lebt, was sie erbettelt,
und dass sie und ihr Sohn zu den Ärmsten des Dorfes gehören. Man kennt sie
übrigens auch in Riobamba. Schliesslich wurde sie von den Kosten aller im
Krankenhaus zur Verfügung stehenden Medikamente, Untersuchungen und Röntgenaufnahmen
freigestellt. Mit Laura verbrachten wir den ganzen Nachmittag bei Ramona im Krankenhaus. Es war schon Abend, als die Ärzte als Diagnose von einer schweren Bauchfell-entzündung mit Blutvergiftung sprachen und uns mitteilten, dass Ramona noch in derselben Nacht notoperiert werden müsste. Allerdings musste hierfür eine Einverständniserklärung unterschrieben werden. Ramona hat aber keine Familie. |
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| Wir fuhren zurück in unser Dorf und entschieden gemeinsam mit Laura, dass der Präsident der Dorfgemeinschaft gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des gewählten Dorfrates die Sache in die Hand nehmen sollten. Es wurde zu einer Gewissensentscheidung, denn wir fanden den Präsidenten nicht, niemand wusste, wo er war. | |||
| Der stellvertretende Präsident war zwar zu
Hause, aber er zögerte, denn ohne den Präsidenten kann man normalerweise
keine Entscheidungen treffen. Wir mussten auch noch den Kassenwart, den
Sekretär und die anderen Dorfverantwortlichen fragen. Sie alle verstehen
sich als eine Gemeinschaft und niemand möchte allein Schritte unternehmen.
Die Zeit lief uns davon. Wir wussten wirklich nicht, wie wir die Situation
lösen sollten. Ich suchte schnell einige Sachen von Ramona zusammen, und
Cris kümmerte sich um Carlos, der nicht allein bleiben kann. Schließlich
waren einige der Dorfverantwortlichen da, und der Vizepräsident erklärte
sich bereit, die Einverständniserklärung zur Operation zu unterschreiben.
Fünf der Dorfverantwortlichen fuhren gemeinsam mit mir ins Krankenhaus.
Die Ärzte warteten nur auf die Unterschrift, um die Operation vorbereiten
zu können, aber wir mussten alles bis zum letzten Faden draußen kaufen.
(Man fragt sich schon, wo das ganze Geld für das Öl hingeht - Wie ist es
möglich, dass das Gesundheits- und das Bildungswesen so schlecht finanziert
werden?). Ramona war bei Bewusstsein und verstand, dass sie nun operiert
werden sollte. Sie fragte nach "mi hermanita" (Kl. Sr. Sabine) und "mi wambra"
- wo ist mein Sohn? "Wer wird sich um meine Hühner und meine Hunde kümmern?"
Manuela aus der Pfarrgemeinde und Laura boten an, bei ihr zu bleiben, denn
die Operation fand um 23 Uhr nach einer anderen Notfalloperation statt.
Da fünf weitere Mitglieder des Dorfrates bis zum Ende der Operation bleiben
wollten, fuhr ich nach Hause, um ein wenig zu schlafen. |
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Um 3 Uhr nachts weckten mich Cris und Maritza: die Dorfverantwortlichen waren da und wollten eine Versammlung der Dorfgemeinschaft einberufen, um zu entscheiden, was wir nun mit Ramona machen sollten. Die Operation hatte vier Stunden gedauert, und Ramona war in einem kritischen Zustand mit geringer Überlebenschance. Jemand läutete die Glocken, um die Dorfgemeinschaft zusammenzurufen, und etwa 30 Personen kamen, die schon ahnten, dass es um Ramona ging, denn die Nachricht war wie ein Lauffeuer von Haus zu Haus gegangen. | ||
| Wir mussten entscheiden, ob Ramona
in die Intensivstation eingeliefert werden sollte. Dazu brauchten wir 250
Dollar Einlieferungsgebühr. Wir rechneten aus, dass wir darüber hinaus mehrere
1000 Dollar brauchen würden, wenn sie lange überleben sollte. Und die hatten
wir nicht. Ein Nachbar sagte, dass man alles tun muss, um ein Leben zu retten,
aber jeder kannte die extreme Armut von Ramona und Carlos - wer würde das
alles übernehmen können? Wir drei Schwestern waren mit den Menschen versammelt
und entschieden, nichts ohne die Gemeinschaft zu tun. Das verstanden alle.
Aber war es wirklich sinnvoll, so viel Geld auszugeben, wenn sie nicht überleben
würde? Wir entschieden uns schliesslich, sie auf die chirurgische Station
einzuweisen und dort alles zu tun, was möglich ist. Ich begleitete die Dorfverantwortlichen
ins Krankenhaus, um dem Arzt unsere Entscheidung mitzuteilen. Er verstand
uns, aber bat darum, dass Tag und Nacht jemand bei Ramona wachen würde.
Wie sollten wir das leisten? Wir kauften alle Medikamente und Infusionen,
die die Ärzte uns nannten. Am nächsten Morgen ließen wir Ramona allein, denn jeder von uns musste zur Arbeit. Ein Herzstillstand drohte, die Verantwortlichen des Krankenhauses trafen sich und entschieden, sie auf Kosten des Krankenhauses in die Intensivstation einzuweisen. Als wir um 14 Uhr wiederkamen, war sie auf der Intensivstation - es war erschreckend: sie hatte überall Schläuche und war an ein Beatmungsgerät und an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Ich dachte an René Voillaume, der sagt, dass es manchmal menschlicher ist, einen Menschen zu Hause sterben zu lassen. Hatten wir uns doch falsch entschieden? Der Chirurg sprach uns an und sagte, dass es ihre Aufgabe wäre, für jedes Menschenleben zu kämpfen und dass er sehr wohl wüsste, dass diese Frau eine der Ärmsten der Armen sei. Wir bewunderten seinen so menschlichen Einsatz für das Leben der Armen. Wie oft noch würden wir diese menschliche und zutiefst christliche Haltung des Krankenhauspersonals und anderer Menschen bewundern, die Ramona und Carlos begleiten würden. Wir wussten noch nicht, dass wir selbst eine große Gnade der Verwandlung und eine wirkliche Erfahrung der Liebe Gottes machen würden. Der Kampf um das Leben von Ramona und Carlos dauerte Wochen - wir können nicht alles erzählen. |
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Von den ersten Tagen an rief José, der Präsident der Dorfgemeinschaft und ein langjähriger Freund unserer Fraternität, die Dorfgemeinschaft zusammen, informierte alle über die Vorfälle und gab auch uns das Wort. Man entschied, eine Geldsammlung durchzuführen. | ||
| Jede Familie sollte freiwillig mindestens 2 Dollar und eventuell auch Kleidung geben. So kamen etwa 500 Dollar zusammen. Die Pfarrgemeinde gab noch 150 Dollar von Spendengeldern aus der Solidaritätskasse dazu, die Gesundheitsstation half mit einigen Medikamenten, die Kl. Sr. Sabine noch hatte. Einige Menschen brachten auch kleine Gaben, und das, was zusammenkam, reicht bis heute. Es war ein beeindruckendes Zeichen der Solidarität des Dorfes und der Vorsehung Gottes. Die Belastbarkeit von Maritza, Cris und mir wurde auf eine harte Probe gestellt, denn Kl. Sr. Sabine, von Beruf Krankenschwester und Verantwortliche des hiesigen Gesundheitszentrums, war auf Heimaturlaub in Europa. Sie fehlte uns sehr. Aber Gott war da und er wird uns die Kraft geben, Carlos in einem Raum des Dorfzentrums neben der Fraternität aufzunehmen. Angesichts seines Zustandes wollte sich niemand um ihn kümmern, keine Familie konnte ihn bei sich aufnehmen. Mit der Zeit kamen einige enge Freunde aus der Pfarrgemeinde und teilten abwechselnd ihr Essen mit Carlos, was uns sehr half. Wir versuchten, Carlos, in das psychiatrische Krankenhaus von Quito einweisen zu lassen, aber Carlos war nicht gewalttätig oder gefährlich genug. Und so wurde er abgewiesen, weil der Staat für diese Fälle kein Geld hat. Carlos würde also noch längere Zeit bei uns bleiben. |
| Es kam der Tag, an dem Ramona aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Sie war gesund, aber sie konnte noch nicht laufen, weil sie noch zu schwach war. Auch konnte sie sich nicht um ihren Sohn kümmern. |
| Wieder spürten wir hier die Vorsehung Gottes: Es ist kaum zu glauben, aber als ich auf dem Markt einkaufen war, sah ich zweimal das Auto des Altenheims. Wir hatten keine engere Beziehung zu dem Heim, aber als ich die beiden Damen begrüßte, die für die 90 alten Menschen einkauften, erfuhr ich, dass Dr. Arguello der Direktor des Altenheims ist. Er ist ein guter Freund von Sabine und der Fraternität. Schnell ging ich in das Altenheim, denn Sara, die Sekretärin, sagte mir, dass der Doktor gerade da wäre. Ich kannte Dr. Arguello durch Sabine. Nachdem ich ihm in Kürze die ganze Geschichte erzählt hatte, sagte er: "Lassen Sie mir ein wenig Zeit. Kann sie noch eine Woche im Krankenhaus bleiben?" Eine Woche später kam sie direkt vom Krankenhaus ins Altenheim, wo gerade ein Bett für sie frei geworden war. Carlos konnte eigentlich dort nicht aufgenommen werden, denn er ist noch zu jung, und sein Fall zu schwierig. Aber nachdem das psychiatrische Krankenhaus in Quito ihn nicht hatte aufnehmen können, entschied Dr. Arguello, der sich so hingebungsvoll für die Armen einsetzt, dass auch Carlos in dem Altenheim Aufnahme finden würde, weil er nicht ohne seine Mutter leben konnte. Von der Fraternität aus hatten wir ihn oft stöhnen oder weinen gehört. Als er seine Mutter wiedertraf, zeigten beide eine unbeschreibliche Freude und Zärtlichkeit. |
| Inzwischen hatte sich zwischen uns, Ramona und Carlos eine so tiefe Freundschaft entwickelt, dass sie wie zu unserer Familie gehören. In der ersten Woche im Altenheim riss Carlos sechsmal aus, weil die Tür tagsüber offen steht. Der Staat hat kein Geld, um einen Pförtner für tagsüber zu bezahlen. Beim letzten Mal war Carlos drei Tage und drei Nächte vermisst, und | ![]() |
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wir hatten uns wirklich Sorgen gemacht,
so wie wenn ein Familienmitglied verschwunden ist. Schließlich fanden
ihn Freunde wieder - er war völlig zerlumpt. Immer wieder dachten wir
an Mutter Theresa mit all den Nichtsesshaften. Gott hatte Carlos beschützt.
Danach entschied man im Altenheim, dass er tagsüber bei seiner Mutter
bleiben sollte, und nun reißt er nicht mehr aus. Aber Ramona sagt bei
jedem Besuch: "Kommt Ihr mich abholen?", denn sie möchte nach Hause zurückkehren,
in ihr einfaches Haus auf dem Hügel. Gott allein weiß, ob sie es eines
Tages können wird.
Jede Fraternität hat sicher ähnliche Erlebnisse mit unseren Brüdern und Schwestern, den Allerärmsten gemacht. Maritza, Cris und ich haben es als eine Gnade der Umkehr und der Veränderung erlebt. Während der ganzen Erlebnisse mit Ramona und Carlos ging unser Leben mit dem vielfältigen Engagement weiter. Während der Anbetung betete ich einen Refrain von Taizé: "face adorable de Jésus" in verschiedenen Sprachen, und ich sah das Gesicht von Ramona und Carlos. Ich spürte wirklich unsere Berufung: Den Allerärmsten dienen, mit ihnen wie in einer Familie leben, denn viele Gesichter sind für uns das Gesicht Jesu. Die Armen zeigen uns das Gesicht des liebenden Gottes. "Ich preise dich Gott, weil du in unseren Freunden, den Ärmsten gegenwärtig bist." Kl. Sr. Odile, La Inmaculada / Ecuador |
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