Ferien einmal ganz anders...
Drei Wochen zu Gast bei den Kleinen Schwestern
in La Inmaculada / Ecuador

"Was machst Du eigentlich in den Sommerferien?"
"Ich fliege nach Ecuador."
"Und was machst Du da? Eine Rundreise? Die Galapagos-Inseln? Dschungel-Trecking?
"Nichts von alledem. Ich besuche eine Freundin."
"Und die will keine Rundreise machen?" "Na ja, die ist da in einem Orden und ich werde da mitleben."
"Da musst Du aber nachher mal erzählen - und mache möglichst viele Fotos."

So oder ähnlich verliefen viele Gespräche im Frühsommer dieses Jahres. Drei Wochen wollte ich in den Sommerferien meine Studienfreundin Christine besuchen, die inzwischen als Kleine Schwester vom Evangelium in Ecuador lebt und dort in einem kleinen Dort bei Riobamba mit Indigénas in der Pastoral arbeitet. Drei Wochen in Ecuador, drei Wochen als "ganz normale Laie" das Leben Angelika mit Kl. Sr. Christine im Garten der Fraternität
einer Fraternität teilen - dies erschien mir wie eine Herausforderung und eine Verheißung zugleich. Wie würde ich, die ich an meinen guten deutschen Lebensstandard gewöhnt bin, das Leben in diesem Dritte-Welt-Land erleben? Wie würde es mir in der Begegnung mit armen Menschen gehen, die unter Bedingungen leben, die für uns unvorstellbar sind? Wie würde es sein, in einer Fraternität mitzuleben - wäre dies nicht alles viel zu "fromm" für mich? Vor einigen Wochen bin ich nun begeistert, erfüllt, dankbar und aber auch sehr nachdenklich aus Ecuador wiedergekommen. Die ersten Freunde fragen nach den Fotos und werden zu einem Fotoabend eingeladen und nicht alle von ihnen haben Lust, alle 600 Fotos anzuschauen. So versuche ich, die Erfahrungen der Zeit in La Inmaculada mit wenigen Fotos zusammenzufassen - und möchte es auch hier versuchen. Sie sollen für viele andere Fotos stehen - sie auszuwählen ist fast unmöglich. Vieles muss unerwähnt bleiben - spannende Begegnungen, wunderschöne Ausflüge, gemeinsames Lachen am Tisch in der Küche …
Das Andenhochland Ecuadors … im Hochland der Anden …
Ich muss zugeben, dass ich vor meiner Abreise nur eine sehr diffuse Vorstellung davon hatte, wie überhaupt Landschaft und Klima in Ecuador sein würden. Bei 30 Grand im Schatten packte ich vor meiner Abreise natürlich vor allem Sommersachen wie T-shirts und dünne Hosen ein und "zur
Sicherheit" noch zwei wärmere Hosen, die ich dann drei Wochen lang abwechselnd tragen sollte. Schon nach wenigen Stunden war ich begeistert von dem satten Grün der Andenlandschaft, von der Vielfalt der Bäume und Pflanzen, vom Spiel der Wolken und der Klarheit der Luft. Und gleichzeitig war die Armut überall präsent: Müll, streunende Hunde und Schweine, halbfertige Häuser …

… ein Ort der Gastfreundschaft …
"Herzlich willkommen" sagte Christine, als ich nach 29 Stunden Reise das erste
Mal vor der Tür der Fraternität stand. Ich habe in diesen Wochen erahnen dürfen, was Gastfreund-schaft heißt: angenommen zu sein, so wie ich bin, den Alltag mit teilen zu dürfen, nicht ständig "bespaßt" zu werden, sondern dazugehören, mit zu leben. Und es ist eine Gastfreundschaft, die ausnahmslos allen gilt: Freunden aus dem Dorf ebenso wie denjenigen, Am Tisch der Fraternität ist immer ein Platz frei...  Kl. Sr. Sabine, Maritza und Odilia (v.l.n.r.)
die die Hilfe von Kleiner Schwester Sabine in der Krankenstation benötigen. Es ist eine Gastfreundschaft, die gibt ohne aufzurechnen, bei der nicht nur die Tür offen steht, sondern auch das Herz. Es ist diese Gastfreundschaft des Herzens, die ich mir für mein Leben in Deutschland wünsche.

… Schwestern aller …
Oft waren wir zu Fuß oder mit dem Autobus in den Dörfern der Pastoralzone unterwegs: zu Prozessionen und Gottesdienst, zu Dorffesten oder einfach "nur so".
Und immer fiel mir der enge Kontakt der Kleinen Schwestern zu den Menschen auf. Nicht lange, hochtheologische Predigten oder ausgefeilte Missionsprojekte sind der primäre Zweck der Besuche, sondern es geht um Begegnung mit den Menschen, deren Leben mit den ganz alltäglichen Freuden und Sorgen im Mittelpunkt steht. Kl. Sr. Christine Im Gespräch mit einer Mutter in El Troje
Sie sind Kleine Schwestern der Menschen in ihrem ganz konkreten Leben, Schwestern mit allen Konsequenzen und das Leben der Benachteiligten ist der Ort, an dem Gott da ist, an dem sie Gott begegnen - und an dem sie dann auch das Evangelium verkünden: in der Arbeit mit Katecheten, in Gottesdiensten und in Gesprächen mit den Menschen. Heute - wieder zurück in Deutschland - bleibt die Erinnerung an diese Menschen, die auch meine Schwestern und Brüder sind. Und es bleibt die Sehnsucht, auch die Menschen, die mir hier begegnen, mit denen ich lebe und arbeite, immer mehr als meine Schwestern und Brüder zu erleben, ihr Leben zu teilen.

Armut und Ungerechtigkeit …
Schon im Straßenbild, noch mehr aber bei der Begegnung mit den Menschen, wurde mir wie seit langem nicht mehr bewusst, wie reich wir in Deutschland sind und wie sehr unser Lebensstil nur auf Kosten der armen Länder möglich ist. Kann es sein, dass ich mir im Discounter für ein paar Cent Bananen kaufen kann, die Menschen gepflückt haben, die von ihrem Lohn kaum leben können? Kann es sein, dass die Bauern in Ecuador deswegen so niedrige Preise für ihre Rohstoffe bekommen, damit ich die Waren in Deutschland möglichst billig erhalte? Und gleichzeitig lernte ich viele Menschen kennen, die sich für eine gerechte Welt einsetzen: in einem Bildungsprojekt für Indigénas, die zumeist die Schule ohne Abschluss verlassen und
Kl. Sr. Sabine in der Krankenstation die ihn hier in einer Abendschule nachholen können, Kleine Schwester Sabine in ihrem Dispensario, der örtlichen Krankenstation, in der sie Krankenschwester, Arzt, Hebamme und Seelsorgerin in einem ist, in einem vom DED unterstützten Projekt für gerechten Handel … oft in ganz kleinen Schritten, die die Welt langsam verändern. Heute - in meiner Wohnung, die für ecuadorianische Verhältnisse eine "Luxusbleibe" ist - bleibt mir die Frage offen, wie mein Einsatz, mein Dienst für diese Welt aussehen kann.
Was kann es heißen, im reichen Deutschland so verantwortungsvoll zu leben, dass die Welt gerechter wird?


… ein Ort des Gebetes...
Viel Zeit verbrachte ich in diesen Wochen in der Kappelle der Fraternität: bei der gemeinsamen Laudes am Morgen und dem Abendgebet vor dem Zubettgehen, der täglichen Feier der Eucharistie, aber auch in einer Stunde stillen Gebets, die ich mir - wie die Schwestern auch - jeden Tag "gönnte" - ein Luxus für mich, die ich mich im Alltag von 1000 Terminen und Verpflichtungen getrieben erlebe. Und ich lernte die Einfachheit und Schönheit des Daseins vor Gott neu schätzen: im Hören auf Sein Wort, in der

Die Kapelle der Fraternität

Begegnung mit IHM in der Eucharistiefeier. Sätze von Charles de Foucauld wie dieser gingen mir nach und forderten mich heraus: "Es gibt, glaube ich, im ganzen Evangelium kein Wort, das auf mich einen größeren Einfluss gehabt hat und das mein Leben auf tiefere Weise verändert hat als dieses: "All das, was ihr für den Geringsten meiner Brüder tut, habt ihr für mich getan." Wenn ich daran denke, dass diese Worte aus dem Mund Jesu, dem ewigen Worte Gottes stammen, und dass es derselbe Mund ist, der da sagt: "Dies ist mein Leib, ... dies ist mein Blut." Wie sehr sehe ich mich dann dazu berufen, Jesus vor allem in diesen Kleinen, den Geringsten zu suchen und zu lieben." Gott suchen und finden - im Gebet, in der Eucharistie und in den vielen Begegnungen - dies war ein wichtiger Aspekt meines Aufenthaltes und ich durfte erahnen, wie sehr er gegenwärtig ist - in allem, was mir dort begegnete und auch in dem, was mir in meinem "ganz normalen" bürgerlichen Leben als Lehrerin an einem deutschen Landgymnasium begegnet.

… anstelle eines Schlusspunkts …
Am letzten Tag meines Aufenthaltes besuchten wir in Quito die "Capilla del hombre", die "Kapelle der Menschheit", ein Museum mit Bildern von Oswaldo Guyasamin, dessen Vater Indigéna und dessen Mutter Mestizin war. In seinen Bildern thematisiert er das Leid und die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung. Unsäglicher Schmerz spricht aus den Gesichtern auf seinen Bildern und zugleich brennt in der "Capilla del Hombre" eine Flamme der Hoffnung. Einen klareren Schlusspunkt, der alles zusammenfasst, alles noch einmal auf den Punkt bringt, hätte mein Aufenthalt nicht finden können: Das unendliche Leid der Menschen, ihre vom Schmerz gezeichneten Gesichter - und trotz allem die Erfahrungen von Hoffnung in den Begegnungen mit den vielen, vielen, die kämpfen, die sich engagieren für eine bessere, gerechtere Welt.
Carlos und Ramonita im Dorfzentrum Jugendliche des alternativen Bildungsprojektes mit biologisch angebauten Produkten Das Mühen ums tägliche Brot
Und in alledem kann ich Gott erahnen: in den leidenden, weinenden, verzweifelten Gesichtern ebenso wie in dem Einsatz für die Menschen, für Sein Reich. In Ecuador ebenso wie in Deutschland.

Angelika Scholz, Biberach

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