"In Anbetracht dessen, mein Herr,
was willst du uns sagen?"
Ein sehr persönliches Zeugnis von Br. Francklin
nach dem schrecklichen Erdbeben in Haiti

Br. Francklin gründetete eine haitianischen Gemeinschaft in der Spiritualität Charles de Foucaulds, mit denen die Kleinen Schwestern vom Evangelium viel zusammenarbeiten.

Liebe Freunde aus meinem Land und der ganzen Welt,

Ich habe endlich den Mut gefunden, diese Zeilen zu schreiben. Ich bin zusammengebrochen, niedergeschmettert, vernichtet, ausgeraubt, … das ist alles, was ich sagen kann. Ich danke dem lieben Gott diese unglaubliche Katastrophe überlebt zu haben.

Ich sehe, den Zusammenbruch hunderter, tausender Häuser, die vielen Toten in den Straßen der Hauptstadt, die vielen Obdachlosen, die in der Stadt herumirren.

Ein lieber Freund kam nach dem Erdbeben 7 Kilometer zu Fuß zu mir, um mir zu sagen: "Francklin, ich habe kein Zuhause mehr. Das ist das Einzige, was ich dir sagen kann." Er verabschiedete sich und kehrte umgehend zurück. Dieser Freund hätte unter normalen Umständen nicht auf diese Art und Weise gehandelt, ein Zeichen, dass er vollkommen durcheinander ist.

Die Anzahl der Leute, die den Verstand verlieren, ist hoch. Freunde von überall sagen mir: "Ich habe kein Zuhause mehr, meine Kinder sind tot. Ich habe zwei, drei, vier Kinder, meinen Mann oder meine Frau verloren…" Ein anderer Freund klagt: Meine Cousine, ihr Mann und ihre Kinder sind unter den Trümmern ihres Hauses verschüttet.

Träume ich?

Bin ich auf einem anderen Stern? Ist das, was ich sehe und höre, Wirklichkeit?

Die wichtigsten Infrastrukturen unserer katholischen Kirche in Port-au-Prince und den nahen Provinzstädten sind dem Erdboden gleichgemacht, wir haben unzählige Tote zu beklagen. Die Kathedrale von Port-au-Prince - einst Stolz unserer religiösen Gemeinschaft - ist eine Ruine…Erzbischof, Bischof, Pfarrer, Gläubige, Lehrer, Schüler und Mitarbeiter sind von uns gegangen. Die unermesslich hohen materiellen Schäden sind gar nicht erst zu erwähnen.

Auf dem Platz Cazeau haben wir den Untergang erlebt. Menschen, die ehemals unsere Nachbarn waren, irren ziellos umher, überall sind Tote. Ich werde nie das Bild eines Mädchens vergessen, das in meiner Anwesenheit, im Kreis der Familie starb. Ein junger Arzt hatte ihr gerade noch eine Infusion gelegt. Das kleine Komitee, das wir gegründet haben, hat beschlossen, die vielen Toten in unserer Schule Francoise et Rene de la Serre in einem normalerweise für den Abfall vorgesehenen Loch zu begraben. Der Leichengeruch ist einfach unerträglich. Die Leute waren so traumatisiert, dass sie ihre Toten nur gebracht haben und nicht der traurigen Szene des Begräbnisses beiwohnen wollten. Die Bestattung eines Familienmitgliedes ist unter diesen Umständen unmenschlich und bestialisch. Auf den stillen Gesichtern der Leute spiegelte sich das Leiden wider, sie hatten keinen Mut mehr zu lächeln, in diesem Land, in dem das Lächeln Teil der haitianischen Höflichkeit war.

In Anbetracht dessen, mein Herr, was willst du uns sagen? Ich weiß in meinem Innersten, dass du der Gott bist, der uns liebt, uns erschafft, uns rettet, uns formt und uns zu sich holt.

Ich weiß, dass die Kirche deine ist, dass du sie bedingungslos liebst. Du hegst keinen Groll und Heimtücke gegen uns. Du bist der Gott des Guten und der Barmherzigkeit. Deine Gerechtigkeit und dein Erbarmen sind auf alle angepasst. Du bist geheimnisvoll. Ebenso wie deine Güte. Aber ist nicht auch das Böse ein Geheimnis?

Ich werde dich und deine Güte niemals wirklich verstehen. Ich versuche nicht die todbringende Katastrophe, die über uns hereingebrochen ist, zu verstehen. Diese Katastrophe, die uns tötet, uns erniedrigt, uns auf die Knie zwingt. Aber wir wissen, dass das Böse nicht das letzte Wort hat. Die Liebe glaubt alles, versteht alles, akzeptiert alles… Jesus, dein Sohn sagte: "Mut, ich habe die Welt besiegt.

Ich danke Dir Gott, für das, was du bist und machst. Wir lieben dich, wie du uns liebst. Unser Leben und unser Geist sind in deiner Hand.

Francklin