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Liebe Freunde aus
meinem Land und der ganzen Welt,
Ich habe endlich den Mut gefunden, diese Zeilen zu schreiben. Ich bin
zusammengebrochen, niedergeschmettert, vernichtet, ausgeraubt, … das ist
alles, was ich sagen kann. Ich danke dem lieben Gott diese unglaubliche
Katastrophe überlebt zu haben.
Ich sehe, den Zusammenbruch hunderter, tausender Häuser, die vielen Toten
in den Straßen der Hauptstadt, die vielen Obdachlosen, die in der Stadt
herumirren.
Ein lieber Freund kam nach dem Erdbeben 7 Kilometer zu Fuß zu mir, um
mir zu sagen: "Francklin, ich habe kein Zuhause mehr. Das ist das Einzige,
was ich dir sagen kann." Er verabschiedete sich und kehrte umgehend zurück.
Dieser Freund hätte unter normalen Umständen nicht auf diese Art und Weise
gehandelt, ein Zeichen, dass er vollkommen durcheinander ist.
Die Anzahl der Leute, die den Verstand verlieren, ist hoch. Freunde von
überall sagen mir: "Ich habe kein Zuhause mehr, meine Kinder sind tot.
Ich habe zwei, drei, vier Kinder, meinen Mann oder meine Frau verloren…"
Ein anderer Freund klagt: Meine Cousine, ihr Mann und ihre Kinder sind
unter den Trümmern ihres Hauses verschüttet.
Träume ich?
Bin ich auf einem anderen Stern? Ist das, was ich sehe und höre, Wirklichkeit?
Die wichtigsten Infrastrukturen unserer katholischen Kirche in Port-au-Prince
und den nahen Provinzstädten sind dem Erdboden gleichgemacht, wir haben
unzählige Tote zu beklagen. Die Kathedrale von Port-au-Prince - einst
Stolz unserer religiösen Gemeinschaft - ist eine Ruine…Erzbischof, Bischof,
Pfarrer, Gläubige, Lehrer, Schüler und Mitarbeiter sind von uns gegangen.
Die unermesslich hohen materiellen Schäden sind gar nicht erst zu erwähnen.
Auf dem Platz Cazeau haben wir den Untergang erlebt. Menschen, die ehemals
unsere Nachbarn waren, irren ziellos umher, überall sind Tote. Ich werde
nie das Bild eines Mädchens vergessen, das in meiner Anwesenheit, im Kreis
der Familie starb. Ein junger Arzt hatte ihr gerade noch eine Infusion
gelegt. Das kleine Komitee, das wir gegründet haben, hat beschlossen,
die vielen Toten in unserer Schule Francoise et Rene de la Serre in einem
normalerweise für den Abfall vorgesehenen Loch zu begraben. Der Leichengeruch
ist einfach unerträglich. Die Leute waren so traumatisiert, dass sie ihre
Toten nur gebracht haben und nicht der traurigen Szene des Begräbnisses
beiwohnen wollten. Die Bestattung eines Familienmitgliedes ist unter diesen
Umständen unmenschlich und bestialisch. Auf den stillen Gesichtern der
Leute spiegelte sich das Leiden wider, sie hatten keinen Mut mehr zu lächeln,
in diesem Land, in dem das Lächeln Teil der haitianischen Höflichkeit
war.
In Anbetracht dessen, mein Herr, was willst du uns sagen? Ich weiß in
meinem Innersten, dass du der Gott bist, der uns liebt, uns erschafft,
uns rettet, uns formt und uns zu sich holt.
Ich weiß, dass die Kirche deine ist, dass du sie bedingungslos liebst.
Du hegst keinen Groll und Heimtücke gegen uns. Du bist der Gott des Guten
und der Barmherzigkeit. Deine Gerechtigkeit und dein Erbarmen sind auf
alle angepasst. Du bist geheimnisvoll. Ebenso wie deine Güte. Aber ist
nicht auch das Böse ein Geheimnis?
Ich werde dich und deine Güte niemals wirklich verstehen. Ich versuche
nicht die todbringende Katastrophe, die über uns hereingebrochen ist,
zu verstehen. Diese Katastrophe, die uns tötet, uns erniedrigt, uns auf
die Knie zwingt. Aber wir wissen, dass das Böse nicht das letzte Wort
hat. Die Liebe glaubt alles, versteht alles, akzeptiert alles… Jesus,
dein Sohn sagte: "Mut, ich habe die Welt besiegt.
Ich danke Dir Gott, für das, was du bist und machst. Wir lieben dich,
wie du uns liebst. Unser Leben und unser Geist sind in deiner Hand.
Francklin
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