"Die Suche nach mehr als Allem..."
Charles de Foucauld als Herausforderung
für unseren Alltag heute


Wir sitzen an einem milden Nachmittag Anfang Oktober auf den Stufen von Saint Augustin mitten im Großstadtgewimmel von Paris.
Doris erzählt uns aus dem Leben von Charles de Foucauld.

So viel Auf und Ab, Hin und Her, denke ich mir. Nicht nur bis zu diesem befreienden Versöhnungsgespräch mit Gott, zu dem ihm Abbé Huvelin "verhilft".

Die Kirche St. Augustin in Paris, in der Charles de Foucauld zum Glauben zurückfand

Später - so geht das Erzählen und Zuhören in Pierrefitte weiter - war ja auch nicht längst alles gerade, geordnet, entschieden und ein für alle Mal geklärt im Leben von Fr. Charles: die Zeit bei den Trappisten, das Leben der Nachahmung Jesu in Nazareth, Priesterweihe, unter den Tuareg - dazwischen noch viele andere Stationen, Wege, Versuche. Ich lausche gespannt. Aber wo ist der "rote Faden"? "Was ist, wenn nichts mehr ist?", so formulierte Doris jene Frage, die Foucauld in die Wüste getrieben haben könnte. Jedenfalls - so scheint es mir - einer, der nicht nur aufs Ganze ging, sondern mehr als Alles in Allem suchte und zu entdecken bereit war. Und in seiner Suche nach mehr als Allem, das er von Gott erwartete, ganz schlicht und einfach wurde - ganz schlicht und einfach das Leben Jesu leben wollte. Nicht mehr. Nicht weniger. Die Momente auf den Stufen von Saint Augustin und die Zeit in Pierrfitte - seither hat es in mir so manches Mal gegärt. Ich spüre, dass in der Erfahrung, dass so vieles Nichts ist, und in Nichts sich alles schenken kann, dass in diesem ganz einfach und schlicht werden, in den Versuchen Jesus nachzuahmen eine ungeheure Sprengkraft steckt.

Zu Besuch in Paris

Nein, - um es ehrlich und offen zu sagen: Für Klöster und Ordensgemeinschaften konnte ich mich persönlich noch nie begeistern. Ich achte, respektiere und bewundere diese Wege. Meine sind sie nicht. Ich bin ganz gerne und mit Leidenschaft schlicht und einfach Pfarrer. Aber dieser "Versuch" von Br. Charles, der geht mir nach, treibt mich um, stellt mich und so manches um mich herum in Frage: Erst leben, dann reden.

Und wenn reden, dann ein Reden, das durch das Zeugnis des Lebens qualifiziert ist. Das Zeugnis ohne Worte hat Vorrang vor dem Zeugnis mit Worten (vgl. Evangelii Nuntiandi). Skeptisch bin ich - längst nicht erst seit den Tagen in Paris - gegen so manches Programm und so manche Predigt der Neuevangelisierung. Was die Weitergabe des Glaubens betrifft haben wir kaum mehr als Bankrotterklärungen zu bieten, verfallen dann in Panik und werfen eine um die andere Aktion zur Weitergabe des Glaubens, das eine oder andere Megaevent, Initiative nach Initiative und Programm nach Programm auf den "pastoralen Markt".

Da lebte einer unter den Tuareg. Er erzählte nichts von Jesu. Aber versuchte zu leben wie er. Den Ärmsten der Armen, den Elenden wurde er zum schlichten Zeichen der liebenden Zuwendung, der göttlichen Menschlichkeit Jesu.

Begegnung mit jungen Erwachsenen im Garten der Fraternität

Da leben sie am Stadtrand von Paris und setzen auf den Wegen mit afrikanischen Studenten, mit Menschen, die im Unfeld der Prostitution leben, oder einfach in einer Großstadtbibliothek Zeichen dieser Zuwendung, Zuneigung, dieser göttlichen Menschlichkeit -

oder in den erdbebenzerrütteten Slums von Port au Prince, oder in den Hochhauswüsten von Leipzig, oder in der Begegnung mit den Strafgefangenen New Yorks.

Keine Bekehrungsprogramm. Kein weiteres Konzept zur Neuevangelisierung. Schlicht und einfach die Zuwendung Gottes leben, ihr Herz und Verstand, Hand und Fuß leihen. Ob das nicht auch im Vielerlei der Gemeindepastoral in immer größeren Räumen möglich sein kann? Mit all ihren Gremien und Sitzungen, in der Schule und in all den vielfältigen Begegnungen mit Jugendlichen und Senioren, mit Traurigen und Kranken, mit vom Schicksal gebeutelten und frisch Verliebten, im Pflegeheim und im Krankenhaus, auf der Straße und beim Einkaufen…? Nicht das tolle Pastoralkonzept macht es und auch nicht die eloquente Predigt. Machen kann es eh nur Gott. Und wir dürfen dabei seine Zeichen der Zuwendung, seine Zeichen der göttlichen Menschlichkeit setzen. Ich glaube immer mehr: Das einzig Not-wendige.
Es gärt weiter in mir, mit mir. Aber ich ahne die Richtung und versuche mit Br. Charles im Focus zu halten, dass Jesus und seine göttliche Liebe und Menschlichkeit mehr als Alles ist. Darin zu leben und lebendig zu sein: Wenn es einen roten Faden gibt - auch für mich - dann vermute ich ihn hier.

Georg Lichtenberger