Fraternität in La Inmaculada (Ecuador):
"Er hat mich gesandt, damit ich die Zerschlagegenen in Freiheit setze"
(Lk 4,18)

Bei einem unserer letzten Bibeltreffen sprachen wir miteinander über die Sendung Jesu: "Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe."
(Lk 4, 18f.) In diesen Sätzen fanden S. und G. die Erfahrungen der Indios in den letzten Jahren und Jahrzehnten wieder: Nach jahrhundertelanger Unterdrückung durch die Kolonialherren und Großgrundbesitzer sind sie auf dem Weg zu einem Leben in Freiheit, Gerechtigkeit und Würde. Doch der Weg ist noch weit...

Als Kleine Schwestern wollen wir Weggefährtinnen der Indios in diesem Einsatz für ein menschenwürdiges Leben sein.

Die Formen dieser Weggefährtenschaft sind vielfältig hier in der Provinz Chimborazo, im Hochland der Anden: Odile, Maritza und Christine arbeiten in den verschiedenen Indio-Dörfern der Pfarrei San Luis in der Begleitung der Katecheten, der Gestaltung von Gottesdiensten, der Aus- und Fortbildung, Bibeltreffen etc.

Kl. Sr. Odile bei einem Fortbildungstreffen für Katecheten in San Luis
Die Besuche bei den Menschen in ihren Häusern oder auf den Feldern gehören dabei wesentlich zu diesem Dienst dazu - das freundschaftliche Miteinander im Hinhören auf ihre Sorgen, ihre Freuden, ihre Anliegen. Es braucht viel Zeit, um nach der jahrhundertelangen Unterdrückung der Indios in ein vertrauensvolles und offenes Miteinander hineinzuwachsen. Sie sind zutiefst geprägt von der Erfahrung, "nichts wert zu sein", und oft leugnen sie ihre Identität als Indios, um anerkannt und geschätzt zu werden.
In dieser Situation versuchen wir, Zeuginnen der Liebe Gottes zu sein: ER liebt einen jeden Menschen - unabhängig von seiner Rasse und seiner sozialen Stellung, ER ist ein Freund der Armen.
Bibliodrama: Die Indios auf dem Weg in die Freiheit
Gemeinsam suchen wir nach Wegen, wie dies im HEUTE unseres Alltags Wirklichkeit werden kann. Welche Freude zu sehen, wie M. und P. ihre indianische Herkunft als etwas Kostbares entdecken, wie sie wieder in ihrer Indio-Sprache Quichua zu sprechen und sich für ihre eigene Kultur zu interessieren beginnen!
Miteinander ertasten wir die Gegenwart Gottes in unserem Alltag: seine Gegenwart in einem jeden Menschen, gerade in den Armen und Leidenden, in der Dorfgemeinschaft in ihrem Bemühen um eine bessere Zukunft, in der Solidarität und im Teilen. Immer wieder werden uns die Menschen dabei zu "Lehrmeistern", die uns in der Mühsal und Armut ihres Lebens den Weg zu Gott weisen.

Das Hören auf die Bibel und die Botschaft Jesu verändert unseren Alltag. So erwuchs in den letzten Jahren aus der Jugendgruppe der Gemeinde die Gruppe "Semilla/Samen". In verschiedenen Dörfern der Pfarrei haben sie alternative Abendkollegs aufgebaut. Diese ermöglichen Jugendlichen und Erwachsenen, die keine Schule besuchen konnten oder diese frühzeitig abbrechen mussten, einen anerkannten Schulabschluss.
Die Freude der Indio-Kinder ist beeindruckend. Die Ausbildung ist eng am Alltag orientiert: an der Landwirtschaft, den Problemen im Dorf, der politischen Situation. Es geht nicht nur um den Schulabschluss der einzelnen Personen, sondern um einen integralen Bildungsweg, der ausgerichtet ist auf soziale und politische Verantwortung und auf das Wohl der Gemeinschaft.

Eng damit verknüpft ist ein Projekt biologischer Landwirtschaft, das Alternativen zu dem zunehmenden Chemikalieneinsatz in der Landwirtschaft aufzeigen will, der Menschen und Umwelt nachhaltig schädigt. Dies sind konkrete Zeichen der Hoffnung und des Lebens für uns, in denen die frohe Botschaft Jesu Gestalt annimmt.

Kleine Schwester Sabine unterhält ein Gesundheitszentrum im Dorf - ein wichtiger Dienst für die Menschen, die zumeist keine Krankenversicherung haben und deren medizinische Behandlung entsprechend oft an finanziellen Problemen scheitert.

Oft gehen die Besuche in der Krankenstation über die rein medizinische Behandlung hinaus: A. spricht von den Problemen mit ihrem alkoholkranken Ehemann; D. hat im dritten Monat der Schwangerschaft ihr Kind verloren und kommt nicht darüber hinweg. Sabine hört immer wieder aufmerksam zu und versucht, ganz für die Menschen da zu sein. Kl. Sr. Sabine im Gesundheitszentrum
Es ist nicht immer einfach, die richtigen Worte zu finden und doch verlassen die Menschen das Gesundheitszentrum meist mit neuem Mut und neuer Zuversicht.

Es ist ein Weg mit vielen kleinen Schritten, mit vielen Hochs und Tiefs. Oft ist nur wenig von "Erfolg" zu sehen. Und doch vertrauen wir, dass in diesem Weg etwas vom Reich Gottes Wirklichkeit wird.



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